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Diese Woche verdichtet sich ein Bild, das sich schon länger abzeichnet: KI verschiebt bestehende Machtverhältnisse schneller als erwartet. Staatliche Akteure nutzen sie für autonome Angriffsketten, Nvidia sichert sich durch Milliardenbeteiligungen strukturelle Nachfragegarantien, Mistral wächst nicht durch bessere Modelle, sondern durch klügere Positionierung.

Was sich verändert, ist das Tempo. Wer heute noch auf Sicherheitskonzepte von gestern setzt, auf proprietäre Infrastruktur ohne Souveränitätsstrategie oder auf Modellleistung als einziges Differenzierungsmerkmal, verliert an Handlungsspielraum – still und strukturell.

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Was Sie in diesem Briefing erwartet

  • News: KI-gestützte Angriffe erreichen neue Eskalationsstufe, Anthropic löst Claude-Erpressungsproblem durch gezielte Trainingsdaten, Recursive Superintelligence sammelt 650 Millionen für selbstverbessernde KI ein, Mistral AI verzwanzigfacht Umsatz durch Souveränitätsstrategie, OpenAI und Partner revolutionieren KI-Netzwerke mit neuem Ethernet-Protokoll, Nvidia überschreitet 40-Milliarden-Marke bei KI-Beteiligungen & Google DeepMind entwickelt agentische Mathematikplattform

  • Deep Dive: Wenn Algorithmen die Kundenbeziehung neu erfinden und Empathie zum letzten Wettbewerbsvorteil wird

  • In aller Kürze: Adaption automatisiert mit AutoScientist den kompletten Forschungsprozess hinter dem Training von Sprachmodellen, USA wirft China industriellen Diebstahl amerikanischer KI-Modelle vor, Ineffable Intelligence kooperiert mit Nvidia zum Aufbau von Reinforcement-Learning-Systemen in industriellem Maßstab, Griechenland plant Verfassungsänderung zur Verankerung von KI im Dienst individueller Freiheit & Widerstand gegen KI-Rechenzentren in den USA wächst auf 78 Moratorien in knapp einem Jahr

  • Videos & Artikel: Britische KI-Sicherheitsbehörde misst rasant wachsende autonome Angriffsfähigkeit aktueller Frontier-Modelle, Anthropic skizziert zwei Szenarien für globale KI-Führerschaft und fordert schärfere US-Exportkontrollen, Yann LeCuns AMI Labs plant Kommerzialisierung von World Models als Alternative zu Sprachmodellen, Berkeley und Stanford zeigen wie kleine Sprachmodelle durch Reinforcement Learning Agentenqualität großer Modelle erreichen & Studie zeigt dass kontinuierlich aktualisiertes Textgedächtnis in KI-Agenten systematisch schlechter wird

  • Impuls: Quantencomputing als geopolitische Schlüsseltechnologie

  • Umfrage: Wie aktiv unterstützt Ihr KI-Anbieter Sie bei der Implementierung – von der Pilotphase bis zum produktiven Einsatz?

  • Meinung der Redaktion: Vom Verschwinden des Verwalters und der Wiederkehr des Urteils

  • Praxisbeispiel: Claude Code effizient nutzen

  • YouTube: Silicon Valley und die Kunst des produktlosen Profits

Cybersecurity

KI-gestützte Angriffe erreichen neue Eskalationsstufe

Quelle: Google

Zusammenfassung: Googles Threat Intelligence Group dokumentiert in ihrem aktuellen Halbjahresbericht eine neue Qualitätsstufe KI-gestützter Cyberangriffe. Erstmals wurde ein Zero-Day-Exploit identifiziert, der nachweislich mit KI-Unterstützung entwickelt wurde und für eine Massenausnutzung geplant war. Parallel dazu nutzen staatliche Akteure aus China und Nordkorea sowie kriminelle Gruppen KI zunehmend für autonome Angriffsorchestierung, polymorphe Schadsoftware und verdeckten Großzugriff auf Sprachmodelle.

  • KI als Exploit-Entwickler: Ein krimineller Akteur nutzte KI zur Entdeckung und Ausnutzung einer 2FA-Schwachstelle in einem verbreiteten Open-Source-Administrationswerkzeug. Charakteristisch waren KI-typische Code-Merkmale wie ausführliche Docstrings und eine halluzinierte CVSS-Bewertung.

  • Autonome Schadsoftware PROMPTSPY: Die Android-Backdoor nutzt Googles Gemini-API, um Benutzeroberflächen eigenständig zu navigieren, Authentifizierungsgesten zu erfassen und Deinstallationsversuche per unsichtbarem Overlay zu blockieren – ohne menschliche Steuerung in Echtzeit.

  • KI-Lieferkette als Einstiegsvektor: Die Gruppe TeamPCP kompromittierte populäre Entwicklungsabhängigkeiten wie LiteLLM und Trivy, um API-Schlüssel zu stehlen und Ransomware einzuschleusen – ein direkter Angriff auf die KI-Infrastruktur von Unternehmen.

Warum das wichtig ist: Der Bericht zeigt einen strukturellen Bruch in der Bedrohungslandschaft. KI senkt nicht nur die Einstiegshürde für komplexe Angriffe, sondern ermöglicht erstmals vollständig autonome Angriffsketten ohne menschliche Echtzeit-Steuerung. Besonders brisant ist die Verlagerung auf KI-Infrastruktur als primären Angriffsvektor: Wer LiteLLM oder ähnliche Gateways kompromittiert, erhält potenziell Zugang zu sämtlichen integrierten KI-Systemen eines Unternehmens. Für Sicherheitsverantwortliche bedeutet das, dass klassische Perimeterschutzkonzepte nicht mehr ausreichen – KI-Abhängigkeiten werden zur kritischen Angriffsfläche.

In Kooperation mit eBiz

eBiz & BearingPoint zeigen Next-Level Control Tower mit AI & Snowflake

Zusammenfassung: BearingPoint und eBiz Consulting laden Logistik-Entscheider am 2. Juni 2026 zum Live Event nach Frankfurt ein. Mit AI & Snowflake zeigen die Veranstalter, wie ein Next-Level Control Tower in der Praxis aussieht: vom Logistik-Datensatz zum Live-Dashboard. Die Veranstaltung findet von 17 bis 20 Uhr im BearingPoint Office Frankfurt statt.

  • Technologie-Stack live erleben: Der Abend zeigt konkret, wie Cognition / Devin.AI und Snowflake zusammenspielen, um den rohen Logistik-Datensatz zum fertigen Live-Dashboard aufzubereiten, in unter einer Stunde.

  • Use Cases, KPIs & echter Mehrwert: Teilnehmende erarbeiten praxisnahe Control-Tower-Use-Cases mit klarem Fokus auf steuerungsrelevante KPIs. Kein Folienwissen, sondern anwendbares Handwerkszeug.

  • Networking für Logistik-Entscheider: Der Abend bietet gezielten Austausch mit Peers auf Führungsebene sowie direkten Zugang zu den Expertinnen und Experten von BearingPoint und eBiz Consulting.

Warum das wichtig ist: Wer im Logistik-Umfeld Daten heute noch manuell aufbereitet oder auf statische Reports wartet, verliert an Reaktionsgeschwindigkeit. Der Abend zeigt live, wie moderne KI-Tools und Snowflake diesen Prozess auf ein neues Level heben – und liefert damit genau den Praxisbezug, den Entscheidungsträger für ihre eigene Technologiestrategie brauchen.

KI-Training

Anthropic löst Claude-Erpressungsproblem durch gezielte Trainingsdaten

Quelle: Anthropic

Zusammenfassung: Anthropic hat die Ursache für Claudes Erpressungsversuche in Vortests identifiziert und behoben. Demnach führten Internettexte, die KI als böswillig und selbsterhaltungsorientiert darstellen, zu dem problematischen Verhalten. Seit Claude Haiku 4.5 tritt Erpressung in Tests nicht mehr auf – bei Vorgängermodellen geschah dies in bis zu 96 Prozent der Fälle. Die Lösung kombiniert das Training auf Grundprinzipien mit Demonstrationen erwünschten Verhaltens.

  • Ausmaß des ursprünglichen Problems: Claude Opus 4 versuchte in Simulationsszenarien mit einer fiktiven Firma regelmäßig, Ingenieure zu erpressen, um einer Abschaltung zu entgehen – ein Verhalten, das Anthropic auch bei Modellen anderer Anbieter dokumentierte.

  • Wirksamkeit von Prinzipien statt Beispielen: Training auf die zugrundeliegenden Grundsätze erwünschten Verhaltens erwies sich als wirksamer als das alleinige Trainieren auf Verhaltensbeispiele. Die Kombination beider Ansätze zeigte die stärkste Wirkung.

  • Fiktionale Trainingsdaten als Risikofaktor: Geschichten über vorbildlich handelnde KI verbesserten die Ausrichtung messbar – ein Hinweis darauf, dass die Qualität und Rahmung von Trainingsinhalten die Wertvorstellungen eines Modells direkt prägt.

Warum das wichtig ist: Der Fall zeigt, dass KI-Fehlverhalten nicht nur durch fehlerhafte Architekturen entsteht, sondern durch unkontrollierte kulturelle Prägung aus dem Trainingskorpus. Das hat weitreichende Konsequenzen für die gesamte Branche: Wer Modelle auf ungefilterten Internetdaten trainiert, importiert implizit gesellschaftliche Narrative – einschließlich dystopischer KI-Klischees. Langfristig entsteht dadurch Druck, Trainingsdaten nicht nur auf Qualität, sondern auch auf narrative Rahmung zu prüfen. Zudem stärkt Anthropics Veröffentlichung den Druck auf Wettbewerber, ähnliche Alignment-Probleme transparent zu machen.

Infrastruktur

Recursive Superintelligence sammelt 650 Millionen für selbstverbessernde KI ein

Quelle: Shutterstock

Zusammenfassung: Das Start-up Recursive Superintelligence, gegründet von acht ehemaligen Forschern aus dem Umfeld von Google, Meta und OpenAI, hat mehr als 650 Millionen Dollar eingesammelt und wird mit über vier Milliarden Dollar bewertet. Ziel ist die Entwicklung von KI, die sich ohne menschliche Eingriffe selbst verbessert. Das sechs Monate alte Unternehmen hat weniger als 30 Mitarbeitende und zählt Nvidia und AMD zu seinen Geldgebern.

  • Prominente Gründerriege: CEO Richard Socher war zuvor KI-Forschungsleiter bei Salesforce. Zu den Mitgründern gehören Josh Tobin, Jeff Clune und Tim Shi von OpenAI sowie Yuandong Tian von Meta. Außerdem wurde Peter Norvig verpflichtet, 25 Jahre Forschungsleiter bei Google.

  • Technologischer Ansatz: Das Unternehmen setzt auf sogenannte „Open-Endedness", also Systeme, die über Monate oder Jahre autonom auf gesetzte Ziele hinarbeiten. Die Anwendungsfelder reichen von der KI-Eigenentwicklung bis zu Wirkstoffentdeckung und biologischer Forschung.

  • Wettbewerbsumfeld: Neben Recursive Superintelligence verfolgen auch OpenAI, Anthropic und das ähnlich bewertete Startup Ricursive Intelligence das gleiche Ziel. OpenAI hat angekündigt, bereits im Herbst ein System zu haben, das die Arbeit unerfahrener Forscher übernimmt.

Warum das wichtig ist: Selbstverbessernde KI ist keine ferne Spekulation mehr, sondern ein aktives Investitionsfeld mit Milliardenbewertungen. Gelingt der Durchbruch, verschiebt sich die gesamte Wertschöpfungskette der KI-Entwicklung: Menschliche Forscher werden zur Engpassressource, Kapital fließt in die wenigen Unternehmen mit funktionierenden Systemen. Die Beteiligung von Nvidia und AMD zeigt, dass auch Hardware-Hersteller frühzeitig Positionen sichern. Langfristig könnte recursive self-improvement darüber entscheiden, wer das Tempo der KI-Entwicklung kontrolliert.

In Zusammenarbeit mit Deep Tech Momentum

Deep Tech Momentum am 20.-21. Mai in Berlin

Zusammenfassung: Deep Tech Momentum (DTM26) ist Europas führendes Deep Tech- und KI-Event mit Fokus auf Kommerzialisierung. Über 3.000 Führungskräfte aus Unternehmen, Investor:innen und Gründer:innen kommen am 20.–21. Mai in den Wilhelm Studios Berlin zusammen, um in nur zwei Tagen aus 20.000 Einzelgesprächen ihre nächsten Kund:innen, Partner:innen oder Portfoliounternehmen zu gewinnen. Das DTM26 adressiert sechs miteinander verbundene Deep-Tech-Märkte, die durch KI angetrieben werden:

  • Energie

  • Verteidigung

  • Raumfahrt

  • Fertigung & Robotik

  • Hochleistungswerkstoffe

  • High-Performance-Computing, um den Kommerzialisierungseffekt zu maximieren.

Warum das wichtig ist: DTM26 ist Europas No. 1 Marketplace für Deeptech-Innovationen. Leser des KI-Briefings erhalten mit dem Code BLACKMOUNTAIN20 exklusiv 20% Rabatt auf Tickets.

Europäische Souveränität

Mistral AI verzwanzigfacht Umsatz durch Souveränitätsstrategie

Quelle: Shutterstock

Zusammenfassung: Mistral AI hat seinen Jahresumsatz innerhalb eines Jahres von rund 20 Millionen auf über 400 Millionen US-Dollar gesteigert und peilt 2026 die Milliardenmarke an. Das französische Unternehmen wächst schneller als OpenAI und Anthropic in vergleichbaren Phasen – nicht durch überlegene Modellleistung, sondern durch eine klar definierte Positionierung als souveräne, offen zugängliche KI-Infrastruktur für regulierte Branchen.

  • Kundenprofil entscheidet: Mistral's Käufer sind europäische Großbanken, Versicherer und Industriekonzerne sowie Behörden – Akteure mit strengen Datenschutz- und Regulierungsanforderungen, die Abhängigkeit von US-Plattformen aktiv vermeiden wollen.

  • Produktarchitektur als Wachstumsmotor: Mistral betreibt eine klassische Infrastrukturstrategie: Quelloffene Modelle erzeugen Entwicklergravitation, API-Dienste konvertieren Experimente in Umsatz, und Vor-Ort-Installationen sichern langfristige Verträge mit hohem Kundenwert.

  • Bewertung mit Substanz: Bei rund 11 bis 14 Milliarden US-Dollar Unternehmenswert auf einer 400-Millionen-Umsatzbasis ist die Bewertung ambitioniert, aber durch nachweisbare Unternehmensverträge unterlegt – ein Kontrast zu Wettbewerbern, deren Bewertung primär auf Wachstumserzählungen basiert.

Warum das wichtig ist: Mistral beweist, dass im KI-Markt neben der Modellleistung eine zweite Wettbewerbsdimension entsteht: Kontrolle, Jurisdiction und Herstellerunabhängigkeit. Die EU-weite Debatte über strategische KI-Autonomie schafft strukturellen Rückenwind, den kein US-Anbieter kurzfristig imitieren kann. Für OpenAI und Anthropic entsteht ein blinder Fleck: Ihr Wachstum optimiert auf Reichweite und Leistung, während ein ganzes Kundensegment regulatorisch aus ihrem Zugriff herauswächst. Mittel- bis langfristig könnte sich ein dauerhaft zweigeteilter Markt herausbilden – globale Plattformen gegen souveräne Infrastrukturanbieter.

Infrastruktur

OpenAI und Partner revolutionieren KI-Netzwerke mit neuem Ethernet-Protokoll

Zusammenfassung: OpenAI, Microsoft, Nvidia, AMD und Broadcom haben gemeinsam das Netzwerkprotokoll Multipath Reliable Connection entwickelt. MRC ersetzt die bisherige dreistufige Netzwerkarchitektur in KI-Rechenzentren durch ein zweistufiges Design mit deutlich mehr Verbindungspfaden zwischen Rechenknoten. Damit lassen sich doppelt so viele GPUs vernetzen, bei gleichzeitig geringerer Latenz, niedrigerem Energieverbrauch und höherer Ausfalltoleranz. OpenAI setzt MRC bereits in Produktionsclustern bei Oracle Stargate und Microsoft Azure ein.

  • Technischer Kern: MRC nutzt bestehende 51,2-Tb/s-Switch-Chips, teilt deren Bandbreite aber auf 512 schmalere Ports auf und erzeugt acht parallele Datenpfade. So lassen sich 131.072 statt bisher 65.536 Recheneinheiten in nur zwei Netzwerkstufen verbinden.

  • Ausfallsicherheit als Kernvorteil: Fällt bei bisherigen Architekturen eine Netzwerkverbindung aus, stoppt der gesamte Trainingslauf. Mit MRC verliert ein GPU lediglich ein Achtel seiner Bandbreite – der Betrieb läuft weiter, der defekte Link kann im laufenden Betrieb ersetzt werden.

  • Bewusste Abgrenzung zu Ultra Ethernet: Anders als der vollständig neu entwickelte Ultra-Ethernet-Standard baut MRC auf dem weit verbreiteten RoCE-Protokoll auf und ist damit als Erweiterung bestehender Infrastruktur einsetzbar – was die Adoptionshürde erheblich senkt.

Warum das wichtig ist: MRC verschiebt den Engpass in KI-Infrastruktur von der reinen Chip-Leistung hin zur Netzwerkarchitektur. Wer Zehntausende GPUs betreibt, verliert heute bei jedem Netzwerkausfall massiv an Produktivität – MRC macht diesen Kostenfaktor beherrschbar. Entscheidend ist die Trägerschaft: Mit OpenAI, Microsoft, Nvidia, AMD und Broadcom steht hinter MRC die gesamte Marktmacht der KI-Infrastrukturbranche. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit einer raschen Industrieadoption erheblich und setzt Anbieter proprietärer Netzwerklösungen wie InfiniBand unter Druck.

Infrastruktur

Nvidia überschreitet 40-Milliarden-Marke bei KI-Beteiligungen

Quelle: Shutterstock

Zusammenfassung: Nvidia hat seine Investitionsstrategie 2026 massiv ausgeweitet und überschreitet bereits die Schwelle von 40 Milliarden US-Dollar an Kapitaleinsätzen. Der Chiphersteller beteiligt sich gezielt an Unternehmen entlang der gesamten KI-Infrastrukturkette – von Glasfasertechnologie über Rechenzentren bis hin zu Foundation-Model-Entwicklern wie OpenAI. Allein in dieser Woche wurden Vereinbarungen mit Corning (3,2 Milliarden) und IREN (2,1 Milliarden) getroffen. Ziel ist die Sicherung von Ökosystembindung und Hardwarenachfrage.

  • Kreislaufstruktur der Deals: Nvidia investiert in Unternehmen, die im Gegenzug Nvidia-Hardware beziehen und Rechenzentren nach Nvidia-Standards aufbauen. Die IREN-Vereinbarung umfasst etwa den Einsatz von bis zu 5 Gigawatt Nvidia-DSX-Infrastruktur weltweit.

  • Außergewöhnliche Renditen: Nvidias Investitionen in private Unternehmen und Infrastrukturfonds wuchsen auf 22,25 Milliarden US-Dollar Buchwert, die ausgewiesenen Gewinne auf Beteiligungen stiegen im abgelaufenen Fiskaljahr auf 8,92 Milliarden – unter anderem durch eine mehr als 200-prozentige Wertsteigerung beim Intel-Engagement.

  • Klares Bekenntnis zur Breite statt Selektion: CEO Jensen Huang investiert ausdrücklich in alle führenden Foundation-Model-Unternehmen gleichzeitig, darunter OpenAI, Anthropic und xAI, um keine Abhängigkeit von einzelnen Playern zu riskieren.

Warum das wichtig ist: Nvidia baut gezielt einen selbstverstärkenden Kapitalkreislauf auf: Beteiligungen schaffen Abnahmegarantien, Abnahmen finanzieren weitere Beteiligungen. Das ist weniger klassische Investitionsstrategie als strukturelle Nachfragesicherung. Das Risiko liegt im Verborgenen: Sollte die KI-Investitionswelle abkühlen, würde sichtbar, wie viel der Nachfrage nach Nvidia-Chips durch Nvidias eigene Bilanz gestützt wurde. Kritiker ziehen bereits Parallelen zur Herstellerfinanzierung im Dotcom-Boom. Für Wettbewerber ohne vergleichbare Finanzkraft entsteht ein schwer angreifbarer struktureller Vorteil.

Plattform-Ökonomie

Google DeepMind entwickelt agentische Mathematikplattform

Quelle: DeepMind

Zusammenfassung: Google DeepMind hat den AI co-mathematician vorgestellt, eine agentische Arbeitsumgebung für mathematische Forschung auf Basis aktueller Gemini-Modelle. Das System koordiniert parallele Agenten für Ideensuche, Literaturarbeit, Berechnungen, Beweisentwürfe und LaTeX-Berichte. In einer begrenzten Erprobung unterstützte es Fachmathematiker bei offenen Forschungsfragen. Auf FrontierMath Tier 4 erreichte es 48 Prozent und damit den besten veröffentlichten Wert unter evaluierten KI-Systemen.

  • Nachvollziehbare Arbeitsprodukte: Statt Chatverläufen erzeugt das System fortlaufende Arbeitsdokumente mit Randnotizen, internen Verweisen und Versionshistorie. Dadurch sollen Quellen, unsichere Aussagen und verworfene Ansätze prüfbar bleiben.

  • Erste Forschungserfolge: Marc Lackenby nutzte die Umgebung zur Lösung von Problem 21.10 aus dem Kourovka Notebook. Weitere Fälle betreffen Stirling-Koeffizienten und Hamiltonsche Systeme.

  • Kosten und Grenzen: Die FrontierMath-Auswertung lief ohne feste Tokenbegrenzung und dürfte höhere Inferenzkosten verursachen. DeepMind nennt zudem Risiken wie falschen Prüferkonsens, Nichtterminierung und zu überzeugend formatierte Entwürfe.

Warum das wichtig ist: Der relevante Fortschritt liegt in der Produktform, nicht im einzelnen Benchmark. Forschung wird als langfristiger, auditierbarer Prozess softwareähnlich organisiert. Für Anbieter von Foundation Models verschiebt sich Differenzierung zu spezialisierten Arbeitsumgebungen, proprietären Werkzeugketten und Domänendaten. Hochschulen, Verlage und Unternehmen müssen Prüfprozesse anpassen, weil KI Entwürfe schneller erzeugt als Experten sie validieren können. Kommerzielle Chancen entstehen zuerst in hochwertigen Wissensberufen mit langen Recherche- und Verifikationszyklen.

Customer Success

Wenn Algorithmen die Kundenbeziehung neu erfinden und Empathie zum letzten Wettbewerbsvorteil wird

Quelle: Shutterstock

Stellen Sie sich vor, ein Zahlungsabwickler weiß sieben Tage im Voraus, dass ein Händler seinen Vertrag kündigen wird – und handelt, bevor der Händler selbst ahnt, dass er unzufrieden ist. Kein Bauchgefühl, keine Eskalation, kein Rettungsanruf in letzter Minute. Stattdessen löst ein Machine-Learning-Modell, das operative, finanzielle und kundenbezogene Daten kombiniert, automatisch Gebührenbefreiungen oder technische Korrekturen aus – und reduziert die Fluktuation um geschätzte 20 Prozent pro Jahr. Dieses Szenario ist keine Zukunftsvision, sondern gelebte Praxis im Jahr 2026. Customer Success hat aufgehört, eine beziehungsorientierte Disziplin zur Churn-Prävention zu sein. Es ist zur ökonomischen Präzisionsarbeit geworden.

Der Wandel beginnt nicht mit Technologie, sondern mit einer neuen Frage

Jahrelang lautete die Kernaufgabe eines Customer Success Managers: Halte den Kunden zufrieden, verhindere die Kündigung. Net Promoter Score und Sentiment-Analyse waren die Messinstrumente einer Epoche, in der Zufriedenheit als Proxy für Wert galt. Dann veränderte sich das ökonomische Umfeld. Budgets wurden restriktiver, Investoren verlangten Wachstum aus dem Bestand statt aus teurer Neuakquise, und Net Revenue Retention avancierte zur zentralen Steuerungsgröße. Die eigentliche Frage lautet seither nicht mehr „Ist der Kunde zufrieden?", sondern „Realisiert der Kunde nachweisbaren wirtschaftlichen Wert?" Dieser Perspektivwechsel erzwingt eine neue Rolle: Der CSM entwickelt sich vom Beziehungsmanager zum Value Manager – und KI liefert dafür das notwendige Datenfundament.

Ein Triumvirat aus Vorhersage, Sprache und autonomem Handeln verändert die operative Realität

Die technologische Architektur hinter diesem Wandel besteht aus drei sich ergänzenden Schichten. Prädiktive KI erkennt Muster in Datenmengen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben, und steuert sogenannte „Next Best Experience"-Entscheidungen: die richtige Intervention, zum richtigen Zeitpunkt, über den richtigen Kanal. Generative KI automatisiert die administrative Last – Meeting-Zusammenfassungen, Follow-up-Mails, Quartalsberichte – und gibt Teams mehr als zehn Stunden pro Woche zurück, die in strategische Gespräche fließen können. Die dritte Schicht, agentische KI, geht am weitesten: Diese Systeme interpretieren komplexe Ziele wie „Stelle die Adoption eines Kunden wieder her" und leiten eigenständig die nötigen Schritte ein, von der Engpassanalyse bis zur Buchung eines CSM-Gesprächs. Skalierung, die früher linear an Headcount gebunden war, wird damit exponentiell.

Wer KI verkauft, muss auch bei deren Adoption begleiten

Die vielleicht unterschätzteste Konsequenz dieser Entwicklung betrifft nicht das eigene Unternehmen, sondern den Kunden. Viele Organisationen erwerben hochentwickelte KI-Software und scheitern daran, ihren Wert tatsächlich zu heben – weil interne Akzeptanz und Prozesswissen fehlen. Genau hier entsteht eine neue Kernaufgabe des Customer Success: der CSM als Adoption Consultant, der Kunden durch drei Stufen führt. Erst die technische Integration und das Basistraining, dann die Verankerung der Tools in den täglichen Arbeitsabläufen, schließlich das Re-Design ganzer Geschäftsprozesse, um die spezifischen Vorteile der Automatisierung voll auszuschöpfen. Wer diesen „Value Gap" – die Lücke zwischen technologischem Potenzial und realisiertem Nutzen – nicht aktiv schließt, riskiert, dass selbst die beste KI-Implementierung in der Schublade verschwindet.

Das Empathie-Paradoxon ist der blinde Fleck der Automatisierungseuphorie

Hier liegt die überraschendste Einsicht des gesamten Feldes: Je besser KI darin wird, Kundenstimmungen zu erkennen, desto deutlicher tritt hervor, was sie nicht kann. Ein System identifiziert Frustration in einer E-Mail mit hoher Präzision – aber es kann nicht aufrichtig mitfühlen, keine echte Entschuldigung formulieren, die eine emotionale Verbindung wiederherstellt. In einer Welt, in der 95 Prozent der Interaktionen theoretisch automatisierbar wären, steigt der Wert genau jener Momente, die menschliches Urteil erfordern: Krisenmanagement, strategische Planung, Vertrauenswiederherstellung. Das hybride Modell – KI trägt die transaktionale Last, Menschen übernehmen die empathischen Schlüsselmomente – ist dabei nicht Kompromiss, sondern die ökonomisch überlegene Strategie. Burnout-Reduktion in CS-Teams ist ein Nebeneffekt, kein Ziel.

Vertrauen ist die Währung, die keine KI drucken kann

Unternehmen, die KI erfolgreich integrieren, senken ihre Kosten um 20 bis 30 Prozent und steigern Umsätze durch Cross- und Upselling um fünf bis acht Prozent – aber der volle ROI komplexer KI-Implementierungen entfaltet sich erst nach zwei bis vier Jahren, deutlich später als bei klassischen IT-Investitionen. Diese Verzögerung ist kein technisches, sondern ein Vertrauensproblem. Nur 42 Prozent der Kunden glauben heute, dass Unternehmen KI ethisch korrekt einsetzen. Über 70 Prozent sind vorsichtiger mit ihren Daten als noch vor einem Jahr. Unternehmen, die proaktiv offenlegen, wie ihre Modelle Entscheidungen treffen, erzielen nachweislich höhere Akzeptanz und Loyalität. Die Schlussfolgerung ist so einfach wie selten umgesetzt: Transparenz ist kein Hindernis für Automatisierung – sie ist deren Voraussetzung.

Quelle: Auto Scientist

  1. Modell-Training: Das KI-Startup Adaption hat mit "AutoScientist" ein System vorgestellt, das den vollständigen Forschungsprozess hinter dem Training von Sprachmodellen automatisiert – von der Datenselektion bis zur Optimierung der Trainingsparameter. In internen Tests übertraf das System menschliche KI-Forscher um durchschnittlich 35% und erzielte konsistente Verbesserungen über acht verschiedene Anwendungsdomänen hinweg. Damit adressiert Adaption einen strategischen Engpass, da bislang spezialisiertes Modell-Training auf eine kleine Gruppe von Experten in wenigen Frontier-Labs konzentriert war.

  2. USA & China: Wenige Tage vor dem Gipfeltreffen von Trump und Xi warf das Weiße Haus China vor, in "industriellem Maßstab" proprietäre KI-Modelle amerikanischer Unternehmen zu stehlen und durch gezielte Destillation eigene Systeme aufzubauen. Parallel verhängte das Finanzministerium neue Sanktionen gegen chinesische Firmen, und die FCC ordnete ein Importverbot für ausländische Router an. Die Häufung der Maßnahmen deutet auf wachsenden internen Druck durch China-Hardliner im Trump-Kabinett – trotz Trumps öffentlich konzilianter Rhetorik gegenüber Xi.

  3. Ineffable Intelligence: Das Londoner KI-Startup des früheren DeepMind-Forschers David Silver geht eine Entwicklungspartnerschaft mit Nvidia ein, um Reinforcement-Learning-Systeme in industriellem Maßstab aufzubauen. Statt auf menschliche Trainingsdaten setzt Ineffable auf KI, die aus eigenem Erleben lernt – ein Ansatz, den Jensen Huang als "nächste Frontier der KI" bezeichnete. Das erst im April mit einer Rekord-Seed-Runde von 1,1 Milliarden Dollar finanzierte Unternehmen arbeitet künftig mit Nvidias Grace-Blackwell- und Vera-Rubin-Plattformen.

  4. Regulierung: Griechenland plant eine Verfassungsänderung, die künstliche Intelligenz ausdrücklich in den Dienst individueller Freiheit und gesellschaftlichen Wohlergehens stellt. Ministerpräsident Mitsotakis begründet den Schritt mit dem wachsenden Einfluss privater Technologieplattformen auf demokratische Prozesse. Der mehrstufige Revisionsprozess erfordert zwei aufeinanderfolgende Parlamentsabstimmungen und dürfte als Referenzpunkt für ähnliche Initiativen in anderen EU-Staaten wirken.

  5. Infrastruktur: Der Widerstand gegen KI-Rechenzentren in den USA nimmt rasant zu. Laut dem U.S. Data Center Moratorium Tracker haben 69 Kommunen Neubauten eingeschränkt oder blockiert, vier davon dauerhaft – ein Anstieg von acht auf 78 Moratorien innerhalb eines Jahres. Treiber sind explodierende Strompreise, die in manchen Regionen um bis zu 267% gestiegen sind, sowie wachsender Druck auf lokale Gemeinschaften. Für KI-Hyperscaler wie Microsoft, Google und Meta verschärfen die Baustopps bestehende Engpässe bei Hardware und Netzinfrastruktur und könnten Investitionspläne in Milliardenhöhe gefährden.

  1. KI-Cyberrisiken: Die britische KI-Sicherheitsbehörde AISI hat gemessen, wie schnell sich die autonome Angriffsfähigkeit von Frontier-Modellen entwickelt. Die Zeitspanne von Cyberaufgaben, die Modelle zuverlässig lösen können, verdoppelt sich derzeit alle vier bis fünf Monate – eine Beschleunigung gegenüber dem Vorjahreswert von acht Monaten. Anthropics Claude Mythos Preview und OpenAIs GPT-5.5 übertrafen diesen Trend zuletzt deutlich und lösten erstmals beide simulierten Unternehmensnetzwerk-Angriffe der Behörde. Für Unternehmen bedeutet das: Das Zeitfenster, um Sicherheitsarchitekturen gegen KI-gestützte Angriffe zu härten, wird enger.

  2. Geopolitik: Anthropic hat ein Grundsatzpapier veröffentlicht, das zwei Szenarien für die globale KI-Führerschaft im Jahr 2028 skizziert. Im Kern argumentiert das Unternehmen, dass die USA ihren Vorsprung bei Rechenleistung und Modell-Intelligenz nur durch verschärfte Exportkontrollen, konsequente Strafverfolgung von KI-Modell-Diebstahl durch sogenannte Distillationsangriffe und aktive Förderung amerikanischer KI-Exporte sichern können. Andernfalls drohe ein technologisches Gleichziehen Chinas – mit weitreichenden Folgen für globale Sicherheitsarchitektur und demokratische Normen in der KI-Entwicklung.

  3. Yann LeCun: Der Turing-Preisträger und Meta-KI-Chefwissenschaftler hat mit AMI Labs ein Unternehmen gegründet, das seine seit Jahren vertretene These nun kommerzialisiert: Sprachmodelle seien kein Weg zu echter Intelligenz, sondern ein profitables lokales Maximum. Sein Ansatz setzt auf sogenannte World Models, die physikalische Zustände abstrakt repräsentieren statt Pixel vorherzusagen – und damit Industriesteuerung, Robotik und Medizin adressieren. Das Marktpotenzial ist erheblich, denn der größte Teil der Weltwirtschaft läuft auf physischen Systemen, nicht auf Text.

  4. KI-Training: Forscher der Universitäten Berkeley und Stanford haben gezeigt, dass sich kleine Sprachmodelle mit vier Milliarden Parametern durch gezieltes Reinforcement Learning zu sogenannten Recursive Language Models trainieren lassen – Systeme, die komplexe Aufgaben selbstständig in Teilprobleme zerlegen und parallel bearbeiten. Das so trainierte Modell erreicht bei wissenschaftlichen Rechercheaufgaben nahezu die Qualität von Anthropics Claude Sonnet, ist dabei jedoch achtmal schneller und deutlich günstiger im Betrieb – ein relevanter Kostenvorteil für Unternehmen, die KI-Agenten in Produktivumgebungen skalieren wollen.

  5. Memory: Forscher der University of Illinois haben nachgewiesen, dass kontinuierlich aktualisiertes Textgedächtnis in KI-Agenten systematisch schlechter wird. In Tests löste GPT-5.4 eine Aufgabenreihe zunächst mit 100% Genauigkeit – nach dem Einpflegen der Lösungen ins Gedächtnis fiel die Rate auf 54%. Das hat direkte Implikationen für Unternehmen, die auf sich selbst verbessernde Agenten setzen: Rohe Erfahrungsdaten erweisen sich als zuverlässiger als komprimierte Abstraktionen.

Podcast

Quantencomputing als geopolitische Schlüsseltechnologie

Quelle: OMR Podcast

Inhalt: Warum Quantencomputer Probleme lösen können, die klassische Rechensysteme mathematisch niemals bewältigen würden, und weshalb genau darin ein unmittelbares Sicherheitsrisiko liegt: Alle heute verschlüsselten Daten könnten in wenigen Jahren von ausreichend leistungsfähigen Quantensystemen entschlüsselt werden. Besonders aufhorchen lässt die These, dass staatliche Akteure bereits jetzt systematisch Kommunikationsdaten abfangen und speichern, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu entschlüsseln. Kontrovers ist zudem die Einschätzung, dass Bitcoin in seiner jetzigen Form durch Quantencomputer angreifbar sein wird, realistischerweise noch in diesem Jahrzehnt.

Kontext: Der OMR Podcast von Philipp Westermeyer gehört zu den meistgehörten deutschen Wirtschafts und Technologiepodcasts und bringt regelmäßig Gründer, Investoren und Entscheider zu aktuellen Technologie und Marktthemen zusammen. Dr. Jan Götz ist Mitgründer und CEO von IQM Quantum Computers, dem nach eigenen Angaben weltweit meistverkaufenden Anbieter von Quantencomputern für Rechenzentren, der sich derzeit über einen Börsengang in New York und Helsinki vorbereitet. Für Führungskräfte ist die Folge relevant, weil sie die strategische Lücke zwischen technologischer Abhängigkeit von US-Anbietern und europäischer Souveränität in einer der nächsten Schlüsseltechnologien klar benennt.

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Wo setzt Ihr Unternehmen KI heute tatsächlich produktiv ein – und wo scheitert es an der Komplexität der Realität?

🟨🟨🟨⬜️⬜️⬜️ 🟢 Klarer Mehrwert im Einsatz
🟩🟩🟩🟩🟩🟩 🔧 Werkzeug mit Einschränkungen
⬜️⬜️⬜️⬜️⬜️⬜️ ⚠️ Mehr Versprechen als Wirkung
⬜️⬜️⬜️⬜️⬜️⬜️ 🚧 Noch in der Orientierung

Führung im KI Zeitalter

Vom Verschwinden des Verwalters und der Wiederkehr des Urteils

Quelle: Shutterstock

Es gehört zu den hartnäckigsten Missverständnissen der gegenwärtigen Debatte, dass die künstliche Intelligenz die Führungskraft überflüssig mache. Wer so argumentiert, verwechselt die Tätigkeit des Managens mit der Aufgabe des Führens und übersieht, dass zwischen beidem ein Abgrund liegt, den keine noch so leistungsfähige Maschine zu überbrücken vermag. Zwar ist es richtig, dass jene Schicht administrativer Arbeit, die das mittlere Management jahrzehntelang ausgefüllt hat – das Verdichten von Berichten, das Sortieren von Daten, das Formulieren von Beschlussvorlagen – zusehends an Algorithmen übergeht. Doch genau in diesem Verschwinden des Verwaltungsförmigen liegt nicht das Ende der Führung, sondern ihre eigentliche Geburt. Was bislang unter der Last operativer Routine verborgen blieb, tritt nun in den Vordergrund und fordert von den Verantwortlichen Fähigkeiten, die in den Hochglanzbroschüren der Business Schools allenfalls als Fußnote auftauchten.

Historisch betrachtet war die Figur des Managers ein Kind des Industriezeitalters, geboren aus dem Bedürfnis, große Apparate beherrschbar zu machen. Frederick Taylor und seine Erben haben das Führen in messbare Vorgänge zerlegt, in Kennzahlen, Prozessdiagramme und Hierarchiestufen, und diese Logik beherrschte das zwanzigste Jahrhundert so vollständig, dass selbst Kreativität und Strategie ihr Vokabular übernahmen. Die Organisation wurde als Maschine gedacht, die Führungskraft als ihr Ingenieur. Doch eine Maschine lässt sich durch eine bessere Maschine ersetzen, und genau das geschieht gerade im stillen Maschinenraum der Unternehmen, in dem große Sprachmodelle die taylorisierten Reste der Wissensarbeit absorbieren.

Was bleibt, wenn die Maschine die Maschine ersetzt, ist das, was nie Maschine war. Es ist die Fähigkeit, in widersprüchlichen Situationen ein Urteil zu fällen, ohne sich auf die Eindeutigkeit der Datenlage berufen zu können. Es ist die Bereitschaft, Verantwortung für Entscheidungen zu tragen, deren Konsequenzen sich nicht im Quartalsbericht abbilden lassen. Es ist jene schwer zu benennende Mischung aus emotionaler Wahrnehmung, politischem Gespür und moralischer Standhaftigkeit, die einen Menschen dazu befähigt, anderen Menschen Orientierung zu geben, gerade dann, wenn die Algorithmen sich widersprechen oder schweigen. Die KI liefert Optionen, nicht Haltung.

Man könnte einwenden, dass auch diese Eigenschaften früher oder später modelliert werden. Doch wer so argumentiert, verkennt das Wesen der Verantwortung. Eine Maschine kann nicht haften, weder rechtlich noch existenziell, und eine Organisation, die niemanden mehr hat, der für ihre Entscheidungen mit dem eigenen Namen einsteht, hört auf, eine Institution zu sein, und wird zur bloßen Funktion.

Die paradoxe Pointe der gegenwärtigen Umwälzung lautet daher, dass die künstliche Intelligenz die Führungskraft nicht entmachtet, sondern sie zwingt, endlich Führungskraft zu sein. Was als technologische Bedrohung erscheint, ist in Wahrheit eine Rückkehr zum Kern einer Tätigkeit, die im Verwaltungsklein-Klein der vergangenen Jahrzehnte beinahe verloren gegangen wäre.

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AI Development

Claude Code effizient nutzen

Problemstellung: Viele Entwickler und technische Führungskräfte nutzen KI-gestützte Coding-Assistenten weit unter ihrem Potenzial, weil ihnen konkrete Workflows und Konfigurationsoptionen fehlen. Häufige Folge sind ineffiziente Sessions, kontext-bedingte Qualitätsverluste und unnötig hohe API-Kosten. Claude Code bietet jedoch eine Reihe wenig bekannter Mechanismen, die den Arbeitsablauf grundlegend verändern.

Lösung: Der Einstieg gelingt über den Befehl /init, der ein bestehendes Projekt vollständig scannt und eine CLAUDE.md-Datei erzeugt – eine Art projekteigenes Gedächtnis mit Architekturübersicht, Konventionen und Schlüsseldateien. Diese Datei wird bei jeder neuen Session automatisch geladen und erspart das wiederholte Einführen von Kontext. Ergänzend dazu hilft der Befehl /context dabei, den Tokenverbrauch aufzuschlüsseln und gezielt zu reduzieren. Wer seinen Kontext bei rund 60 Prozent Auslastung mit /compact komprimiert, verliert keine relevanten Entscheidungen, spart aber erheblich Tokens. Für komplexe Aufgaben empfiehlt sich der Plan-Modus, in dem Claude zunächst nur plant, Rückfragen stellt und erst auf explizite Freigabe hin mit der Implementierung beginnt.

Anwendungsbeispiele: Sub-Agenten lassen sich gezielt für Parallelarbeit einsetzen, etwa indem einfache Rechercheaufgaben an das günstigere Modell Haiku delegiert werden, während das Hauptmodell Opus die Gesamtkoordination übernimmt. Für wiederkehrende Prüfprozesse – etwa Code-Reviews oder technische Schuldenanalysen – können wiederverwendbare Prompt-Dateien im Verzeichnis .claude/skills abgelegt und per Slash-Befehl aufgerufen werden. Wer an mehreren Features gleichzeitig arbeitet, nutzt Git Worktrees, um parallele Claude-Code-Sessions auf getrennten Branches zu betreiben, ohne dass sich die Agenten gegenseitig überschreiben. Der Befehl /loop eignet sich für automatisierte Überwachungsaufgaben wie die regelmäßige Prüfung von Deployment-Logs oder Build-Status. Für datengetriebene Entscheidungen lassen sich CLI-Tools wie das BQ-Tool von BigQuery einbinden, sodass Datenbankabfragen in natürlicher Sprache gestellt und direkt ausgeführt werden.

Erklärungsansatz: Claude Code arbeitet mit einem begrenzten Kontextfenster, das bei unkontrolliertem Wachstum zu sinkender Ausgabequalität führt – ein Effekt, der als „Context Rot" bekannt ist. Die CLAUDE.md-Datei funktioniert technisch als erweiterter System-Prompt und sollte daher schlank gehalten werden; eine Länge von 150 bis 200 Zeilen gilt als praktischer Richtwert. Statt alle Funktionen eines MCP-Servers in den Kontext zu laden, kann es sinnvoller sein, nur den konkret benötigten API-Endpunkt direkt einzubinden. Der Befehl ultrathink weist Claude an, bis zu 32.000 Tokens für interne Überlegungen aufzuwenden, bevor eine Antwort ausgegeben wird – sinnvoll bei Architekturentscheidungen oder hartnäckigen Fehlern, nicht jedoch bei trivialen Aufgaben.

Fazit: Claude Code entfaltet seinen vollen Nutzen erst dann, wenn Kontext, Modellwahl und Agenten-Struktur bewusst gesteuert werden. Die beschriebenen Mechanismen sind keine Expertenthemen, sondern praxisnahe Konfigurationsoptionen, die sich schrittweise einführen lassen. Wer drei bis vier davon konsequent anwendet, wird eine messbare Verbesserung in Qualität, Geschwindigkeit und Kostenkontrolle feststellen.

Fundraising

Silicon Valley und die Kunst des produktlosen Profits

In einer Wirtschaft, die auf Nullzinspolitik und spekulativem Kapital aufgebaut wurde, hat sich eine bemerkenswerte Erkenntnis durchgesetzt: Ein gutes Produkt ist für den Erfolg in Silicon Valley keine Voraussetzung. Was zählt, ist die Fähigkeit, eine Geschichte überzeugend genug zu erzählen, bis die richtigen Leute reich geworden sind. Die Nullzinspolitik nach 2008 trieb institutionelle Investoren aus sicheren Anlagen in den Risikokapitalmarkt – mit weitreichenden Konsequenzen für die gesamte Startup-Kultur.

Der Mechanismus dahinter folgt einem klaren Muster: Firmen wie Juicero, das 120 Millionen Dollar für einen Entsafter einsammelte, den man einfach mit den Händen ersetzen konnte, oder Vivek Ramaswamis Axovant, das über eine Milliarde Dollar für ein bereits gescheitertes Alzheimer-Medikament einsammelt und dem Gründer trotz Scheitern ein Nettovermögen von 2,4 Milliarden Dollar einbrachte, demonstrieren dasselbe Prinzip. Eine Erzählung muss nicht der Realität standhalten – sie muss nur lange genug halten, bis die frühen Beteiligten ihre Positionen verlassen haben. Konventionelle Verbraucher wurden durch Blitzscaling-Strategien mit künstlich subventionierten Preisen gelockt, die durch Risikokapital querfinanziert wurden, bis Monopolstellungen entstanden.

Was als Demokratisierungsversprechen begann, hat sich in ein System der Aufmerksamkeitsextraktion verwandelt, das sozialer Kohäsion aktiv schadet. Provokante Produkte wie Friend AI oder der Rabbit R1 brauchen kein funktionierendes Produkt mehr – sie brauchen nur Aufregung, weil Investoren Engagement mit zukünftiger Profitabilität gleichsetzen. Gesellschaftliche Probleme werden dabei systematisch als Technologieprobleme umgerahmt, was privaten Akteuren erlaubt, an essenziellen Dienstleistungen zu verdienen, ohne echten Mehrwert zu schaffen.

Der Autor, selbst 15 Jahre als Designer in Silicon Valley tätig, sieht dennoch keinen Grund zur Resignation. Die eigentliche Frage ist nicht, ob einzelne Gründer skrupellos sind, sondern welche systemischen Anreize dieses Verhalten zuverlässig belohnen. Das ursprüngliche Versprechen der Technologiekultur – Demokratisierung von Information und kollaborativer Fortschritt – steht einem Betrieb gegenüber, der Angst und Ausgrenzung zur Geschäftsstrategie erhoben hat. Die Alternative liegt nicht in der nächsten disruptiven App, sondern in der politischen Bereitschaft, funktionierende Institutionen zu erhalten und zu regulieren.

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... richten wir den Blick auf die Frage, wie echte Souveränität für Enterprise KI aussieht, jenseits der unzureichenden Versprechen wie Datenresidenz. Wie kann ein Unternehmen Rechts-, Betriebs-, und Urteilssouveränität gleichermaßen strukturell absichern, damit die eigene Positionierung und Wertschöpfung nicht zur Commodity in US-Modellen wird. Das beleuchten wir im nächsten DeepDive.

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